Wozu ist Geld da?
Der Kaufmann Horace Vandergelder, der im New Yorker Vorort Yonkers ein «Heu-, Futter-, Lebensmittel- und Eisenwarengeschäft» aufgebaut hat, ist dezidiert ein Leben lang fürs Sparen, ja fürs Scheffeln. Seine Gegenspielerin, die mittellose, aber erfindungsreiche Heiratsvermittlerin Dolly Levi, möchte die materiellen Güter lächelnd verteilen – unter den Schneidern, den Kutschern und in den Restaurants, für menschliche Geschäfte und menschliche Vergnügen. Ein harter New Yorker Business-Brocken und eine vor weiblicher Intelligenz und Raffiniertheit sprühende Lebenskünstlerin stossen aufeinander, bekämpfen sich ein ganzes Stück lang. Wer und welche Geldphilosophie wird gewinnen?
Im Besitz seiner ersten Million erlaubt sich der verwitwete Vandergelder, nach einer zweiten Frau Ausschau zu halten. Dolly Levi soll geeignete Kandidatinnen ausfindig machen. Sie jedoch hat ihre eigenen Pläne und verwickelt ihn bald in Widersprüche und emotionales Chaos. Es geht also auch um die Liebe – das komplizierteste aller menschlichen Gefühle.
Geld und Liebe, davon handelt unser «lieb-reiches» Stück, und damit handeln und verhandeln alle seine Figuren.
Eine richtige «Chrömerey» also! Vandergelders Nichte ist verliebt in den mittellosen Maler Ambrosius Dupont, der auf eine reiche Erbschaft hofft. Die elegante Hutladen-Besitzerin Irene Molloy und ihre Assistentin Minnie Fay setzen ihre modischen «Hüte mit Bändern bis über den Rücken» als Verführungsobjekte ein. Die Kaufmanns-Angestellten Cornelius Hackl und Barnaby Tucker wollen mit ein paar Dollars im Hosensack das New Yorker Nachtleben aufmischen und laufen dabei den schönen Hüten über den Weg. In New York aber lebt auch Flora van Huysen, die ihrer humorvollen, bodenständigen Köchin Martha mit alten Geschichten von unerfüllter Liebe unablässig in den Ohren liegt. Paarweise gruppiert, kreist dieses Figurenkabinett um das uralte Doppelthema. Zusätzliche kleinere Nebenrollen steuern historisch-lokales Kolorit und viel Komik bei: der faule, dem Whisky verschriebene Vagabund Malachi Stack, der würdevolle italienische Barbier Luigi Mangiacavallo, die schrullige alte Haushälterin Gertrud, der poltrige Kutscher Tom und die beiden schrägen Kellner Rudolph und August.
Unsere «Chrömerey» ist eine Dialektversion von Thornton Wilders «The Matchmaker» (Die Heiratsvermittlerin, 1954). Wilders Broadway-Knüller wurde Ende der Siebziger Jahre weltberühmt als Vorlage für einen der erfolgreichsten Musicalfilme aller Zeiten: «Hello Dolly» (1969). Er hat aber seinerseits einen bekannten Vorläufer–Johann Nepomuk Nestroys Wiener Posse «Einen Jux will er sich machen» (1842).
Nestroy hat unsere Inszenierung in besonderem Masse inspiriert. Die typische Wiener Posse des 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch Verwechslungen, ulkige Zufälle und unwahrscheinliche Übertreibungen. Die derbe Situationskomik, die dadurch freigesetzt wird, verfeinert Wilder indes durch ein liebevoll subtiles Spiel mit den menschlichen Schwächen seiner Figuren. Beides setzen wir mit viel Lust und Einfallsreichtum um, betonen aber gleichzeitig auch das Singspielhafte dieser Gattung – durch Musik- und Tanzeinlagen. Der aus Hochdorf stammende Theatermusiker Christov Rolla begleitet am Piano das gesamte Stück von Anfang bis Ende.
Wilders Text beinhaltet Momente, in denen die «vierte Wand» niedergerissen und das Publikum direkt adressiert wird – immer dann, wenn die Hauptfiguren ihre unterschiedlichen Meinungen zu den Hauptthemen kundtun. Diese Momente werden musikalisch-tänzerisch stilisiert – als Sprechgesang, musikuntermalte Pantomime oder Tanzeinlage, Solo-, Duett- oder Gruppensong.