Seetaler Bote | 6.11.2025 | Text: Julia Schmid | Fotos: Werner Rolli

Der Revisor verursacht Chaos

BALDEGG Am vergangenen Freitag fand die Premiere von «Inkognito», dem neusten Theaterprojekt der Rabenbühne Hitzkirch statt. Was in Gogols Komödie vor zweihundert Jahren grotesk erschien, wirkt heute erschreckend vertraut.

Seetaler Bote | von Julia Schmid

«Inkognito» ist eine Mundartadaption frei nach dem Komödienklassiker von Nikolaj Gogols «Der Revisor» von 1836. Das Stück aus Russland gehört heute noch zu den meistgespielten Stücken. Aber wie kommt man auf eine fast schon 200 Jahre alte Komödie? Ist das noch zeitgemäss? «Durchaus. Was damals grotesk schien, wirkt heute erschreckend vertraut», meint Tatiana Troxler-Di Mitri, die Präsidentin der Rabenbühne Theatergesellschaft.

Es wird dunkel im Saal und still. Der Blick fällt auf ein Fenster weit oben, aus dem Licht dringt. Rochen, Haie, kleine und grosse Fische sieht man im endlosen Blau schwimmen. Langsam bewegt sich etwas unterhalb des Fensters. Das Scheinwerferlicht steht auf Juri Antonowitsch Antonow, gespielt von Nino Meier. Er ist der Sohn des Stadtpräsidenten. In Gedanken vertieft blickt er zur Decke. Bis zum Himmel empor kann er nicht sehen, denn er lebt unter Wasser, in einer Stadt, verborgen in den Tiefen des Meeres. «Ein fantastischer Ort, schillernd und düster zugleich. Hier, wo Licht und Wahrheit nicht immer bis zum Grund vordringen, entspinnt sich ein Spiel um Schein und Sein», heisst es dazu im Programmheft.

Wie in Gogols Komödie löst der Besuch eines Revisors aus der Hauptstadt Chaos aus. Genauer gesagt, ist es bei «Inkognito» eine Revisorin. Benedikt Troxler (Regie und Projektleitung) erklärt: «Die geschlechtlich vertauschten Rollen sind kein Gag, sondern eine Einladung, Vertrautes neu zu sehen und Machtbilder zu hinterfragen». So gibt es eine Revisorin, einen Sohn statt einer Tochter, Territoriums-Besitzerinnen, eine Kuratorin statt eines Kurators und auch die Rolle der Dienerin Dunja wird von einem Mann gespielt.

Aufwendiges Bühnenbild

Statt unter der Erde, ist es unter Wasser. Eine Anlage, ähnlich einem Bunker. Dunkle Betonplatten, daneben eine braun-beige gemusterte Tapete, ein edles Sofa, ein paar Stühle, ein kleines Podest. Und als Zentrum im Hintergrund: eine runde, neonblau leuchtende Röhre. Dahinter eine schwarze, schwere Tür. Das ist der Schauplatz des Stücks. Kleine technische Perlen, wie eine Tür, die per Türschieber auf- oder zuspringt, ein Videotelefon oder der goldene Spirituosen- Schrank, der allzu oft offen steht, machen den Schauplatz zu etwas Besonderem. «Die Figuren sind kaum sympathisch, man möchte sich nicht mit ihnen identifizieren – und dennoch erkennt man im Spiegelbild ihrer Welt vieles wieder, das einem vertraut vorkommt », berichtet Tatiana Troxler. Die Darstellerinnen und Darsteller tragen edle Uniformen, futuristisch, modern, aber klassisch zugleich.

Irina Filipowna Semljankowa, Kuratorin der Krankenanstalten, gespielt von Andrina Hodel, strahlt in ihrem weissen Kleid, mit den streng zurückgebunden Haaren mit silbern, glänzender Haarspange, wie eine russische Eiskönigin. Auch der Stadtpräsident Anton Antonowitsch Antonow (Sämi Studer), oder seine Frau Anna Andrejewna Antonowa (Tatiana Troxler) leuchten in ihren edlen Kostümen.

Daneben wirkt die braune Weste und die olivgrüne Stoffhose von Iwana Alexandrowna Klestakowa, der Beamtin aus Kaiserstadt sehr modern. Die Rolle, gespielt von Brigitte Flückiger, ist neben der Bezirksaufseherin Natalija Wassiljewna Sokolowa (Barbara Sidler), die einzige Frau im Stück, die Hosen anhat. Dies macht sich schliesslich auch in der Handlung bemerkbar. Zudem spielt natürlich das Schauspiel die Hauptrolle. Das hat auch dieses Jahr wieder überzeugt. Eine kritisch hochgezogene Augenbraue, ein Augenverdrehen oder auch nur ein verurteilender Seitenblick: Nicht nur der Text sitzt perfekt, sondern auch jede noch so kleine Gesichtsbewegung wurde einstudiert und so lange geübt, bis sie alltäglich wirkt. Auch die Dialoge sind einzigartig gespielt. Während Mascha Petrowna Dobtschewa (Andrea Heer) einen Sprachfehler besitzt, spricht ihre Freundin Natascha Petrowna Bobtschewa (Carla Serschen) im schönsten «Walliser-Ditsch». Dass man bei beiden gut zuhören muss, um ihnen folgen zu können, ist eine Tatsache. Es verleiht ihnen einen gewissen Charme und macht die Rollen authentisch. Wie Tatiana Troxler verrät, seien alle Dialekte echt. Sie meint, es wäre eine bewusste Regieentscheidung, damit eine lebendige sprachliche Vielfalt entstehe. Das ist ihnen auf jeden Fall gelungen, meint ein Sitznachbar mit einem Lächeln. Auch eine ältere Dame, die Mutter eines Schauspielers, strahlt stolz. Ihr habe das Theater sehr zugesagt. Die Rollen, das Bühnenbild, die Musik alles passte ihrer Meinung nach perfekt zusammen. 

Menschliche Abgründe

«Das Stück zeigt zahlreiche menschliche Abgründe, wie man sie heute in der Weltpolitik mehr denn je beobachten kann. Doch auch mit Blick auf unsere eigene Gesellschaft, in der Korruption offiziell verpönt ist, lassen sich Parallelen ziehen. Inkognito hält uns einen Spiegel vor und zeigt, dass all diese allzu menschlichen Schwächen und Verhaltensmuster auch in vermeintlich ‹sauberen› Gesellschaften ihren Platz haben», fasst Tatiana Troxler die Message des Stücks zusammen. «Mit dem Verlauf der Premiere sind wir sehr zufrieden», meint sie abschliessend.

Fragen an die Regie

Julia Schmid: Ich war gestern an Eurer Premiere und bin begeistert!
Ist die Premiere und auch allgemein das Stück Euren Vorstellungen entsprechend abgelaufen? Gibt es Sachen, die noch nicht geklappt haben oder anders hätten laufen sollen?

Der Rabenbühne ist es ein grosses Anliegen, dass die Qualität an der Premiere ebenso hoch ist wie bei allen weiteren Aufführungen. Seit Februar wurde intensiv geprobt, die Vorbereitungen für das Projekt begannen bereits vor über einem Jahr. Schon vor rund einem Monat waren die Schauspielerinnen und Schauspieler beinahe aufführungsreif. In der Schlussphase wurde dann an den Feinheiten gearbeitet, damit sich alle Mitwirkenden sicher und wohl in ihren Rollen fühlen. Gleichzeitig liefen die letzten Arbeiten an Kostümen, Bühnenbild und Technik auf Hochtouren. Mit dem Verlauf der Premiere sind wir sehr zufrieden.

Natürlich gibt es immer kleine Details, die noch besser hätten laufen können – Kleinigkeiten, die wohl nur uns selbst auffallen, nicht aber dem Publikum. Diese Punkte haben wir inzwischen analysiert und werden sie bei den nächsten Aufführungen gezielt verbessern. Es handelt sich dabei vor allem um technische Abläufe, die noch nicht ganz rund waren.

Was inspirierte euch, dieses Stück zu spielen? Wie seid ihr gerade auf dieses, nun schon fast 200 Jahre Theaterstück gekommen?

«Der Revisor» von Gogol ist ein Klassiker, der bis heute regelmässig auf den Spielplänen steht. Das Stück ist anspruchsvoll, und sein Thema bleibt zeitlos – ja, gerade jetzt wieder höchst aktuell. Wir mögen Herausforderungen, und es bereitet grosse Freude, Theater zu spielen, das mehr bietet als reine Unterhaltung: wenn dabei auch inhaltlich etwas analysiert und auf die Bühne gebracht werden kann, das zum Nachdenken anregt.

Inwiefern kann man das Stück mit einer Gesellschaft in geschlossenen Systemen vergleichen?

Diese Frage trifft einen zentralen Punkt unserer Inszenierung. Die Verlegung der Handlung in eine Stadt unter dem Meer verstärkt das Gefühl, dass diese Gesellschaft in einem System gefangen ist, aus dem es kein Entrinnen gibt. Abhängigkeiten zwingen alle dazu, miteinander zu funktionieren – und doch, oder vielleicht gerade deshalb, denkt jede Figur in erster Linie an den eigenen Vorteil. Getrieben von der Angst, ausgeschlossen zu werden oder Macht zu verlieren, kämpfen alle auf groteske Weise darum, ihren Status zu wahren oder auszubauen. Auch wenn die Figuren dadurch kaum Sympathie wecken, bleibt über allem die leise Hoffnung bestehen, irgendwo in dieser Enge Frieden und Harmonie zu finden.

Möchtet ihr mit dem Stück auf die momentane politische Situation anspielen?

Das Stück zeigt zahlreiche menschliche Abgründe, wie man sie heute in der Weltpolitik mehr denn je beobachten kann. Doch auch mit Blick auf unsere eigene Gesellschaft, in der Korruption offiziell verpönt ist, lassen sich Parallelen ziehen. Inkognito hält uns einen Spiegel vor und zeigt, dass all diese allzu menschlichen Schwächen und Verhaltensmuster auch in vermeintlich «sauberen» Gesellschaften ihren Platz haben.

 

Woran ist der spezielle Gruss unter den Bürgern inspiriert?

Die Schauspielerinnen und Schauspieler tauchten in eine eigene Welt ein – in jene Stadt unter dem Meer, in der vieles anders ist als in unserer gewohnten Realität. Das Originalstück zeichnet eine stark staatlich geprägte, hierarchische und militärisch strukturierte Gesellschaft. Diese Ordnung spiegelt sich auch in unserem speziellen Gruss wider: Er betont einerseits die fremdartige Umgebung und unterstreicht zugleich die hierarchische Struktur. Der Gruss stammt sinnbildlich aus der «Gründerzeit» der Unterwasserstädte – einer Epoche, in der das Überleben unsicher war. Sein Sinnspruch lautet: Das Wasser steht uns bis zum Hals, aber wir werden dies durchstehen.

Weshalb spielt die Handlung gerade in einer futuristischen Unterwasserwelt?

Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen sich in einer fremden Welt wiederfinden – in einer Umgebung, die auf den ersten Blick nichts mit der eigenen Realität zu tun hat. Erst allmählich wird deutlich: Es ist überall dasselbe, egal wo man lebt.

Die Welt unter Wasser ermöglicht es, tiefer in die Geschichte einzutauchen. Sie schafft Distanz, die hilft, das Geschehen zunächst als eigenständige Realität zu erleben, bevor sich Parallelen zur Gegenwart aufdrängen. Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt – visuell ebenso wie inhaltlich.

Die Verwechslungsgeschichte bietet Anlass zum Schmunzeln, doch Inkognito ist kein Schenkelklopfer. Der Humor ist bissig, manchmal unangenehm oder gar böse. Die Figuren sind kaum sympathisch, man möchte sich nicht mit ihnen identifizieren – und dennoch erkennt man im Spiegelbild ihrer Welt vieles wieder, das einem vertraut vorkommt.

Gogol legte grossen Wert darauf, dass seine Geschichte nicht ins Klamaukige abgleitet. Diese Versuchung ist gross – umso wichtiger ist der Rahmen einer eigenen, geschlossenen Welt. Die futuristische Unterwasserstadt verleiht der Inszenierung die nötige Tiefe und Ernsthaftigkeit, damit die grotesken Züge der Handlung mit glaubwürdiger Spannung und Bedeutung gefüllt werden können.

War das «Walliser-Diitsch» echt oder einstudiert?

Die Dialekte sind alle echt. Es war eine bewusste Regieentscheidung, allen Darstellerinnen und Darstellern zu erlauben, in ihrem eigenen Dialekt zu sprechen. So entsteht eine lebendige sprachliche Vielfalt, die den Figuren Authentizität verleiht und die Eigenheiten der Unterwasserwelt zusätzlich unterstreicht.